„VIELE BÜRGER SIND FÜR KOMPLEXE
WILLENSBILDUNGS-PROZESSE
NICHT MEHR ZU GEWINNEN.“

Exklusiv-Interview mit dem Politik- und Gesellschaftspsychologen
Prof. Dr. Thomas Kliche, Hochschule Magdeburg

Professor Dr. Thomas Kliche, Exper-
te für politische Psychologie, als Gast
in der ARD-Sedung hart, aber fair mit
Frank Plasberg (o.l).

Wutbürger, Nichtwähler: Immer mehr Bundesbürger wenden sich von etablierten
Parteien ab. Die Gründe dafür sind vielfältig, meint der Politik- und Gesellschafts-
psychologe Dr. Thomas Kliche, Professor am Fachbereich Angewandte Humanwis-
senschaften der Hochschule Magdeburg Stendal. Im exklusiven Gespräch mit der
Pilot:Projekt GmbH erläutert er unterschiedliche Motivationen der Nicht- und Pro-
testwähler, weist auf die Tücken der direkten Demokratie hin und kritisiert den
falschen Umgang vieler Politiker mit modernen Kommunikations-Kanälen

Herr Professor Kliche, seit Monaten halten Wutbürger, Protest- und Nichtwähler unter
Bezeichnungen wie Pegida und Hagida die Bundesrepublik in Atem. Sind jene Menschen,
die bei den Demonstrationen ihre Verachtung von Ausländern, Politikern und Journalisten
hinausschreien, das Ergebnis konkreter Kommunikations-Mängel der demokratischen
Parteien?

Leere im Wahllokal – in Deutsch-
land seit vielen Jahren ein ge-
wohnter Anblick.

Thomas Kliche: Nein. Bei der Gruppe handelt
es sich um eine wilde Mischung ganz unterschiedlich
motivierter Menschen. Ein erheblicher Teil ist ein-
fach rechtsextrem und fremdenfeindlich. Davon gibt
es ja auch seit 1945 ein paar erkleckliche Prozente
in unserer Gesellschaft. Ein zweiter Teil ist naiv und
sucht Nestwärme und eine starke Gemeinschaft. Er
will ohne den anstrengenden Umweg über Wahlen
und das politische Tagesgeschäft unmittelbar Ein-
fluss und Sichtbarkeit haben. Ein dritter Teil empfin-
det allgemeinen Unmut über gesellschaftliche Ent-
wicklungen und hatte mit der Islamisierung ein gut
greifbares, scheinbar mobilisierungsfähiges Thema
gefunden, um dieser grundlegenden Entfremdung
Ausdruck zu geben. Gegenüber allen drei Fraktio-
nen könnten sich demokratische Parteien zu Tode kommunizieren. Diese Menschen sind für
einen geordneten, komplexen Willensbildungsprozess nicht zu gewinnen.

Wie bewerten Sie die These von Professor Dr. Werner Patzelt von der TU Dresden, Pegi-
da habe nur deshalb bundesweite Beachtung gefunden, weil Medien undifferenziert berichtet
und dadurch Politikern die Möglichkeit genommen hätten, mit den Anhängern angemessen
zu kommunizieren?

Thomas Kliche: Der erste Teil stimmt, der zweite – aus psychologischer Sicht – nicht. Die
Medien haben die paar Hanseln gleich so bekannt gemacht, dass diese Aufmerksamkeit noch
mehr Hanseln zum Mitmachen ermutigte. Quatsch ist natürlich, dass Politiker die Medien
bräuchten, um mit Menschen in bestimmter Weise zu reden. Sie könnten einfach zu ihnen ge-
hen. Allerdings halte ich das aktuell für keine gute Idee. Denn alle drei skizzierten Fraktionen
der Antiislamisten empfinden wohl kaum Angst, sondern vielmehr eine narzisstische Wut oder
gar Hass auf alles, was ihnen die Kompromisse einer komplexen Gesellschaft abnötigt. Des-
halb reden sie nur, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, doch nicht, um sich zu verständigen.

Nichtwähler und Wutbürger scheinen mit Politik und Politiker gebrochen zu haben.

Im Herbst 2010 schrieb der Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit einen Essay über Angehö-
rige eines bürgerlichen Milieus, das mit der bürgerlichen Tradition gebrochen und der Politik
die Gefolgschaft aufgekündigt hat: die Wutbürger. Ist die wachsende Zahl der Wutbürger und
Nichtwähler auch ein Protest gegen die Kultur der politischen Kommunikation in Deutschland?
Sei es wegen des Gebarens von Politikern vor Kamera und Mikrophon, sei es wegen der Ab-
lehnung eines Mehrs an direkter Demokratie?

Thomas Kliche: Ja, und davor haben alle Politiker Angst. Fakt ist: Sie werden von schrum-
pfenden Minderheiten gewählt. Die gängigen Talkshows sind langweilig und oft einseitig. Immer
mehr Menschen sehen in der Politik nur noch einen großen Sumpf der Elitennetze und Neben-
verdienste. Zugleich führen transnationale Akteure wie die europäische Union und Großbanken
die nationalen Eliten oft als ohnmächtig vor. Die große Koalition verschärft diesen ganzen Über-
druss noch. Die Forschungsliteratur spricht von Postdemokratie.

Was sollen die Politiker tun? Mehr direkte Demokratie wagen?

Solide Politik machen ist anstrengend. Vielen Bundesbürgern zu anstrengend.

Thomas Kliche: Vorsicht: Direkte Demokratie ist ein hübscher und allen spontan sympa-
thischer Traum, der den Träumenden aber überaus lästig wird, sobald die Mühen der Ausein-
andersetzung beginnen, ohne die gemeinsame Zukunftsentwürfe und Handlungen nun mal
nicht zu haben sind. Dafür waren die Piraten ein lehrreiches Beispiel. Ich denke, die Politiker
sollten angesichts der steigenden Zahl der Anhänger von direkter Demokratie nicht übermä-
ßig unterwürfig agieren, weil sie ein schlechtes Gewissen haben. Denn hinter den Nichtwäh-
lern stecken verschiedene Motivgruppen.

Können Sie dafür erläuternde Beispiele nennen?

Thomas Kliche: Eine große Motivgruppe wünscht sich Politik als bequemes Konsumgut:
Sie soll Sicherheit und Wohlstand gewährleisten, doch ansonsten alles beim Alten lassen und
gar nicht mehr viel gestalten. Diese Motivgruppe zu bedienen, ist im Grunde Angela Merkels
Erfolgsprogramm. Einer zweiten großen Motivgruppe dienen Gemecker und Unzufriedenheit
nur noch der persönlichen Selbstdarstellung. Der Unwille dieser Menschen hat keine Über-
zeugungen als Fundament und keine Handlungen zur Folge. Diese Entwicklung ist langfristig
viel verheerender für die Demokratie als extremistische Grüppchen.

Ohne Trendwende die demokratischen Parteien bald nur noch eine Minderheit.

Heute stehen Bürgern und Politikern mehr Kommunikations-Technologien zur Verfügung
als je zuvor. Sehen Sie darin einen Gewinn für demokratische Entscheidungsprozesse?

Thomas Kliche: Es wird Jahre dauern, bis wir die neuen Formen elektronischer Kommu-
nikation optimal in den demokratischen Prozess integrieren. Die kurzschlüssigen Ideen von
Abstimmung per Handy sind ein trauriges Zeichen für die Verunsicherung, die diese Aufgabe
auslöst. Vielleicht haben wir generationenlange Lernprozesse vor uns, wie nach der Verbrei-
tung des Buchdrucks, dessen Folgen im Grunde bis in die amerikanische und französische
Revolution reichen.

Heißt das, Politiker werden von der neuen Vielfalt der Kommunikations-Möglichkeiten
überfordert?

Thomas Kliche: Aus psychologischer Sicht herrscht momentan eine heillose Verwirrung
über drei Anforderungen an politische Akteure: Präsenz, Autorität und Legitimität. Präsenz
scheint das Gebot der Stunde zu sein. Jeder muss ständig allen irgendwas schicken und
schreiben, um irgendwie dabei zu sein und dazu zu gehören. Autorität hingegen resultiert aus
dem Vertrauen der Menschen: Diese Person sagt etwas Wichtiges, etwas Vernünftiges. Viele
Politiker riskieren ihre Autorität durch unbedachte, kurzsichtige Flapsigkeiten in Sozialen Me-
dien, oder indem sie Bürgern das Gefühl vermitteln: Der quatscht genauso oberflächlich wie
ich, an dem ist wohl nicht viel dran. Ständige Präsenz stellt die Autorität von Politikern also
eher in Frage. Legitimität schließlich ist der bestimmten Menschen nach vereinbarten Verfa-
hren erteilte Auftrag, für andere Entscheidungen zu treffen und Regeln aufzustellen. Diese
Legitimität erhält man nicht elektronisch, selbst wenn man sich die Daumen blutig simst.

Vor dem Hintergrund Ihrer Ausführungen: Zu welcher Kommunikations-Strategie raten
Sie den Politikern der demokratischen Parteien?

Thomas Kliche: Die einzig vernünftige Kommunikations-Strategie besteht darin, durch
Klugheit, Redlichkeit und Sachwissen – und das haben viele Politiker! – ihre Autorität zu
sichern. Damit können sie im zweiten Schritt verdeutlichen, dass wir aus guten, historisch
bedingten Gründen geregelte, faire und transparente Wege der politischen Beauftragung
haben. Sie sollten also nicht mit elektronischem Schnickschnack liebäugeln. In den kommen-
den Jahren wird vielmehr die proaktive Wahlkreisarbeit eine Renaissance erleben. Und die
Talkshows werden wieder sachlicher und informativer. Auch wenn der einzelne Politiker da-
durch etwas langweiliger wirkt: Er muss verdeutlichen, dass es in der Politik um Sachgründe
geht, und dass diese Sachgründe voraussetzungsreich sind.

Das bedeutet: Die Kommunikations-Strategie eines Politiker sollte darauf ausgerichtet
sein, Autorität zu gewinnen und zu erhalten?

Thomas Kliche: So ist es. Ein von den Politikerinnen und Politikern bislang vernach-
lässigtes Kommunikationsfeld für Autorität sind übrigens Alltagsmedien, von der Apotheken-
Rundschau bis zu Frauenzeitschriften. Und die Jüngeren werden gern auf informativere Web-
site-Angebote zugreifen. Allerdings: Mehr Information und mehr Transparenz bedeuten auch,
dass zugleich Gründe für Misstrauen rasch bekannt werden, etwa die unappetitlichen Neben-
einkünfte vieler Parlamentarier. Deshalb geht es bei Autorität in erster Linie um die Substanz:
um politische Moral.

Das Interview führte:

Collin Scholz,
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COLLIN SCHOLZ

Mitglied der Geschäftsleitung,
Pilot:Projekt GmbH